Gestern schlenderte ich noch einmal durch die langen, hohen Gänge unseres Arbeitsplatzes. Er ist schön, die Gänge sind mit kunstvollen Malereien verkleidet. Auf manchen erkenne ich mich wieder. Der Spiegel trägt kein Gesicht, er trägt mich. Rote Nase. Zu große Schuhe. Ein Dreirad. Ein Clown.

Oder ein betrunkener Obdachloser?

Die Büros stehen leer. Am Ende des Ganges befindet sich der Zugang zu dem wohl
größten Genie dieser Zeitepoche. Der Kopf von F/O/N. Ich… Auf dem Schreibtisch aus Echtholz sitzt einsam eine Schreibmaschine. Mir fällt auf, wie vollkommen sinnlos diese ist. Ich schreibe für eine Website, oder nicht?

Daneben liegt ein Manuskript. „Ab wann ist man ‚Allein‘?“ Der Stapel der Seiten ragt knapp unter die Decke. Ein schönes Bild, ein zugedecktes Manuskript, welches ohne Kopfkissen schläft. Ich bewege die Decke etwas zur Seite, um mir die ersten Seiten anzuschauen. Die knapp 20.000 Seiten geben ein beeindruckendes Bild ab. Nach dem Umblättern des Titelblattes, welches ich penibel seitenverkehrt auf die Tischkante lege, erkenne ich, dass die erste Seite dann doch relativ leer ist.

SChreiben_das_Original

Ein ‚A‘ steht auf dem Blatt. Ein bisschen klein vielleicht. Die restlichen 19.998 Seiten sind leer. Davor hatte ich fast schon vergessen, dass ich diese Hochkunst der Belletristik mal verfasst hatte. Ein großer Schmaus diese Schrift zu verschlingen.

Meine ganze Kreativität und Lebenskraft floss darein. Zumindest kann man die Rückseite der Blätter noch als Druckerpapier verwenden. Auch wenn die Geldspeicher bereits bis zum Bersten gefüllt sind, ein wenig sparen kann nie schaden. Vielleicht sollten wir es auch einfach verfilmen.

Ich rufe einen unserer Mitarbeiter herbei. Eine komische Gestalt. Im Nachgang erinnert sie mich aber doch etwas an mich selbst… Er erzählt mir, dass unsere Terminkalender für die nächsten Dekaden leider schon voll sind. Ich greife selbst den Terminkalender. Auf allen Seiten sind Phalli, der Plural von Phallus, oder Smileys gezeichnet, die mir provokant ihre Zunge entgegenstrecken. Dieses Bild, kenne ich ansonsten nur aus dem Kontakt mit Groupie-Transvestiten.

 

Ich nicke verständnisvoll und schicke ihn davon. Wenn meine Mitarbeiter schon so hart arbeiten, dann soll man sie auch nicht überstrapazieren. Apropos, kurz gehe ich auf unsere Website. Der letzte Artikel ist über eine Woche alt, voller Rechtschreibfehler und schlechter Gags. Für mich ist es also nicht nachvollziehbar, warum die Massen jetzt schon mit Mistgabel und Fackeln vor den mit Gold verzierten Toren unseres Schlosses stehen. Einige halten Schildern mit Gags hoch, andere sind als F/O/N Logo verkleidet. Nur Striche in der Landschaft…

Zufrieden lasse ich mich also am Ende dieses stressigen Tages auf meinen Bürostuhl fallen. Er zerbricht sofort, ich falle rückwärts auf den harten Marmorboden. Alles muss witzig sein. Nichts darf nur normal existieren. Denn andere Menschen könnten sich ja wundern, was das denn soll. Wofür sollte man sich etwas anschauen, was etwas Ernst in sich hat?

Gute Frage eigentlich…