„Es verfolgt mich überall hin. Jeder Weg, welchen ich für tastende Schritte missbrauche, führt mich unumgänglich vor den behäbigen Speicher. Bis nach ganz oben ist er gefüllt, feinstens sortiert, makellos. Er thront auf der Spitze des Berges, welchen ich wie den Horizont mein ‚Eigen‘ nenne.

Jeder Stein dieses Systems ist für mich geschaffen, trägt mein Zeichen. Jeder Stein zeigt meinen Kopf, meinen Körper & mein Verlangen. Die Steine sind nicht einzigartig, zumindest nicht jeder von ihnen.“


Das schöne an tatsächlichen Künstlern ist es, dass sie nicht darauf achten müssen verstanden zu werden. Als Mensch versteht man grundsätzlich nur, was man bereits kennt. So ist Religion entstanden, so versucht man Werbung aufzubauen.

Ein paar biertrinkende Mittzwanziger – auf einem Baumstamm über einem Rinnsal sitzend – versteht man, irgendwie stellt das Bild schon in unserer Vorstellung Freiheit und dennoch Zugehörigkeit dar. Akzeptanz. Es ist wesentlich besser zu verstehen als eine Freiheitsstatue, welche gerade einen Hitlergruß ausführt. Manche Männer sind aber auch einfach abgehoben.

Doch ich bin es leid immer wieder die selben Ideen zu hören, immer wieder die selben Geschichten zu erzählen. Märchenerzähler ist kein Beruf, es scheint eher ein Lebenserhaltungstrieb zu sein. Dennoch, eine Antwort, welche bereits bekannt ist, sollte keine Antwort sein. In diesem Fall wäre eine Frage schließlich überflüssig.

Genau das ist es jedoch, was Menschen erwarten. Sie fragen nicht der Antwort wegen, sie fragen, um ihre Meinung bestätigt zu sehen. Das ist nichts Verwerfliches. Bestätigung ist ein Grundkonzept und ein fundamentaler – wenn auch in einigen Fällen ein wenig infantiler – Antrieb für den Menschen. Objektiv kann ich das natürlich nachvollziehen, subjektiv fällt es mir schwer Konversationen zu führen, dessen Ausgang ich bereits kenne.

In wenigen Teilen hat sich dieses Verständnis bereits in den Köpfen einiger Menschen eingebrannt. Wie der Blitz eines gewissen Zauberers. So scheint es in einem ernstgemeinten Gespräch eher unbeliebt über allgemein eher belanglos-anerkannte Themen wie das Wetter zu reden. Tatsächlich ist es aber weniger die Belanglosigkeit des Themas, als mehr die Belanglosigkeit der Antwort ein Problem, einer Antwort dessen Inhalt bereits bekannt ist. (schön, sonnig)

Fallbeispiel:

Zugführer-Sketch

 

Analyse:

„Hey, was machst Du so heute noch?“

Bei dieser Frage handelt es sich um eine Erfüllung sozialer Ansprüche. Eine Antwort hat offensichtlich keine Relevanz für die eigene Existenz. Dennoch ist die Frage weit davon entfernt sinnlos zu sein. Einen Nutzen bietet diese Frage nicht für den Initiator, sondern für den Rezipienten. Durch die Frage wird ihm eine gewisse Relevanz eingeräumt. Eine Bestätigung im Streben nach Anerkennung.

„Weiß noch nicht. Vielleicht fahr‘ ich noch nach Bremen oder so …“

Etwas Spannendes ist passiert. Es mag nicht so aussehen, doch diese Antwort kommt dem Akt der Selbstverachtung erstaunlich nah. Der Antagonist fliegt wie Ikarus einst direkt auf die Sonne zu, bis sie sein ganzes Blickfeld einnimmt und selbst das Strahlen seines Heiligenscheins zur Randnotiz degradiert. Alles dieser Antwort reißt die Grundfeste der Anerkennung nieder. Es wird versucht die relevanzgetränkte Antwort vom letzten Tropen zu befreien. Eine absolut niederschmetternde Reaktion. Dennoch wird eine Antwort gegeben, allein mit dem Zweck, die Wertschätzung des Gegenüber anzuerkennen.

„Nach Bremen? Solltest du nicht eher Deine normale Tour machen?“

Zwei rhetorische Fragen in Folge lassen einen  indirekten Vorwurf resultieren. Ein entsprechender – womöglich besser – Lösungsansatz wird direkt nachgeliefert. Gezeichnet wird ein Bild des Versagens des Initiatoren. Mit einer Antwort, welche von der antizipierten Reaktion abweicht, sieht sich der Fragensteller schlicht überfordert, weswegen er auf den Alltag (-> „normale Tour“) verweist, welche den Habitus eher erfüllen sollte.

„Fährt die verdammte Linie 3 halt mal nach Bremen verdammt!“

Peter Ointe äußerste sich zu dieser Aussage äußerst kontrovers: „Hahaha. War okay.“ Im engeren Sinne ist seine Aussage also als Bestätigung unserer vorangestellten These zu verstehen.


Résumé

Gerade in einer Zeit in der Wissen so zugänglich wie noch ist, gehört Konversation zu denjenigen Aktionen, die einer modernen Farce näher sind, als die ISS der Erde. Kurioserweise wird beides aber genauso häufig falsch eingeschätzt.
Was sollte man also tun? Lohnt es sich, dem Trieb nach Anerkennung zu entfliehen? Ist ein Leben ohne Konversation überhaupt lebbar?

Keine klare Antwort ist darauf aussprechbar. Gesellschaft ist der Konzens darauf Reden als ein universelles Werkzeug anzusehen. Ein Konzens, der sich auf die Vertiefung des Anspruches ‚Anerkennung‘ bezieht, ja sie sogar als Würde gesetzlich verankert.

Das Reden ist eine Kunstform, nur gebrochen von einem Gegenüber. Wie jede Form der Destruktion ist aber auch die Konversation äußerst mächtig. Den Wenigen, denen es aber gelingt, das Reden als Kunstform und die Konversation zu vereinigen, diese, ja diese…

Nun ja.

Jetzt hab ich mich verhaspelt…